Die Magie des Wortes

Wie uns das Wort die Wirklichkeit vorgaukelt

Dieser Artikel erschien erstmals im Matrix3000-Magazin, Band 108, November/Dezember 2018 unter der Überschrift „Die Macht des Wortes“.

Wir benutzen es ständig, manche von uns denken (angeblich) damit, es prägt unser Weltbild, dient der Kommunikation und hilft uns bei sämtlichen Analysen: das Wort. Was aber hat es damit auf sich? Was bewirkt es? Dürfen wir ihm dankbar sein oder müssen wir besonnen damit umgehen?

In letzter Zeit liest und hört man in der alternativen Szene vermehrt vom sogenannten Framing. Dieser Begriff stammt aus der Kommunikationswissenschaft, heißt übersetzt „Rahmen“ und meint so etwas wie einen Deutungsrahmen, der durch Worte gesetzt wird und innerhalb dessen Grenzen alle nachfolgenden Überlegungen stattfinden. Inzwischen gibt es auch im deutschsprachigen Raum einschlägige Lektüre aus der Kognitionsforschung, die sich mit diesem Thema befasst.

Das beste Beispiel ist das des Wortes „Zeit“. Wir wissen nicht, was Zeit ist, kein Wissenschaftler kann eine schlüssige Erklärung abgeben, und trotzdem bedienen wir uns eines Konstrukts, auf das wir uns kollektiv geeinigt haben, um diesem Begriff einen Sinn zu geben. Hören oder lesen wir dieses Wort, assoziieren wir in der westlichen Welt damit unweigerlich eine lineare Abfolge von Ereignissen, eine Bewegung durch den Raum, sehen die Vergangenheit hinter uns und die Zukunft vor uns liegen. Die Richtigkeit, die Wirklichkeit dieses Konstrukts lässt sich ganz einfach testen, denn wäre es wahr, müsste die Zeit rückwärts ablaufen, wenn wir einen Schritt zurück machen. Läge die Vergangenheit hinter uns, müssten wir rückwärts in sie zurückkehren können. Offenbar ist das noch niemandem gelungen, ansonsten bräuchte sich keiner den Kopf über Zeitreisen zerbrechen.

Derartige Deutungsrahmen gibt es so viele, wie es Wörter gibt. In stillem Einvernehmen haben wir sie hingenommen, wir bedienen uns ihrer in jeder Sekunde und merken es die meiste Zeit nicht einmal.

Vor allem in der politischen Landschaft finden sich solche Konstrukte zuhauf. Man mag der Vorstellung anheimfallen, Politiker gäben nichts als sinnfreie Phrasen von sich, doch dahinter verbirgt sich weit mehr. Mit diesen Phrasen setzen sie Rahmen, sie zwängen ein Thema in das Korsett, in dem sie dieses gern sehen möchten. Eines der bekanntesten ist wohl das der „Operation“, das einen kriegerischen Angriff in Rüschen und reine Farben kleiden will. Welche Assoziationen der Begriff „Operation“ im Gegensatz zum „Angriff“ in einem Geist freisetzt, ist klar: Bei der Operation sieht man einen Menschen in strahlend weißem Kittel vor sich, der aus gesundem Fleisch Böses entfernt, während beim Angriff an Aggression, Blut, Schandtaten und Tod gedacht wird. Ergo wäre jeder Politiker, der sich nicht des Schönsprechs bedient, gleich welche Richtung er vertritt, ein ausgemachter Narr und würde wohl auch nicht gewählt werden.

Das Problem dabei ist, dass all diese Worte nur das sind: Konstrukte. Sie haben mit der Wirklichkeit größtenteils so viel zu tun wie das genannte Beispiel mit der Zeit, nämlich nichts. Und dennoch prägen sie uns, richten unsere Wahrnehmung aus und formen somit unsere individuelle Realität. Diese Deutungsrahmen „fixieren“ uns, sie halten unsere Gedanken in einem Rahmen fest und erlauben keinen Blick über diesen hinaus. Wie das funktioniert, lässt sich einfach zeigen. Versuchen Sie, jetzt nicht an eine rote Rose zu denken.
Na? Haben Sie sie vor dem inneren Auge gesehen, die Rose? Sie gerochen? Sich an einen bestimmten Tag erinnert, an dem die Königin der Blumen für Sie eine Rolle gespielt hat? Sie sehen schon, es ist unmöglich, nicht daran zu denken … Oder geht es doch?

Jeder Schriftsteller, jeder Autor und Rhetoriker, der sich nur ein wenig mit dem Werkzeug beschäftigt, das er verwendet, wird ihnen sagen können, was Worte und Wörter sind. Zunächst sind sie ein Kommunikationsmittel, damit man sich austauschen kann, so wie etwa der Eichelhäher einen Schrei ausstößt und damit alle Lebewesen in seiner Umgebung vor drohender Gefahr warnt. Wir modernen Menschen allerdings mit unseren komplexen Sprachen bewegen uns auf verschiedenen Ebenen, und alle davon gehören in die Welt der Ideen und geben weder die Wirklichkeit wieder noch können sie tatsächlich zum Ausdruck bringen, was in einem Menschen vorgeht.

Wir nehmen an, wir verstünden einander mithilfe von Gesagtem und könnten auf Grundlage von Gehörtem zu Schlüssen kommen. Jemand teilt uns mit, er sei sehr glücklich, und wir greifen automatisch auf unsere Erfahrungen in Verbindung mit Glück zurück und suchen anschließend im Leben des anderen nach Vorkommnissen, die unseren Erinnerungen ähneln, um zu ergründen, woher sein Glück rührt. Dass dieser Mensch allerdings etwas gänzlich anderes als Auslöser erfahren haben kann, ziehen wir zumeist nicht in Erwägung. Und dass sich seine Interpretation von Glück von der unseren grundlegend unterscheiden könnte (was ziemlich sicher so ist), darüber denken wir gar nicht nach.
Vielleicht empfindet er Glück, wenn er einen Vogel beim Flug beobachtet, während uns das kalt lässt und wir uns glücklich fühlen, wenn wir von unserer Tochter ein gemaltes Bild geschenkt bekommen, was für den anderen, der schon beim Anblick eines Vogels zutiefst glücklich war, die pure Ekstase bedeutet. Für beide Erscheinungen benutzen wir somit dennoch dasselbe Wort – und assoziieren dabei völlig unterschiedliche Dinge.

                                                        Bild: GDJ, Pixabay.com

Wir befinden uns in der Welt der Ideen, und innerhalb dieser existiert keine Wirklichkeit. Ein Wort ist nichts Existenzielles, nichts Elementares, es hat kein fassbares Gewicht, kann nicht ergriffen und mit unseren Sinnen wahrgenommen werden. Wir hören Laute, doch diese Laute haben zunächst keine Bedeutung. Die Bedeutung erhalten sie nicht durch ihre Existenz, sondern erst sehr viel später mithilfe unserer kognitiven Fähigkeiten, mithilfe unseres Gehirns, das das Gehörte mit Erlerntem abgleicht, einordnet und analysiert. Diese Untersuchung findet bereits abseits der Wirklichkeit statt, der gehörte Laut ist vergangen, der Moment verstrichen, die Erde hat sich weitergedreht und wir denken noch immer …

In der Welt der Ideen beißt sich die Katze immer in den Schwanz. Indem wir sprechen und zuhören, stülpen wir der Wirklichkeit eine Unwirklichkeit über. Wir warten auf ein besseres Morgen, das uns unablässig entgegen- und das doch nie ankommt, und wir fallen einem vagen Gefühl der Richtigkeit anheim, wenn wir daran denken, dass unsere Soldaten auf fremdem Terrain operieren. Möchten wir letztlich die Wirklichkeit ergründen, reisen beispielsweise in das Kriegsgebiet, werden wir nur immer das sehen können, was die Worte in uns gelegt haben. Wir werden denken, es gäbe dort etwas, das herausoperiert werden müsste und werden es überall sehen, dieses Geschwür. Wenn wir (Alternativen) wissen, dass wir einem Frame anheimgefallen sind, werden wir eben denken, wir – unsere Soldaten, unser Ein- oder Angriff – seien das Geschwür. Sodann greifen wir nicht mehr ein anderes Land und dessen Strukturen an, sondern uns selbst beziehungsweise die unseres Landes. Es bleibt allerdings ein Angriff, eine Operation; der Frame ist derselbe, wir haben nur das Feindbild geändert. Wir sind vom einen Ende der Unwirklichkeit zum anderen gesprungen. Die Katze beißt sich in den Schwanz und tanzt im Kreis.

Der Hund, der die Katze von ihrem ewigen Tanz erlösen könnte, liegt in der Annahme begraben, alles begänne im Denken, in der Logik. Gerade in der spirituellen Szene ist es en vogue zu behaupten, man kreiere sich seine Realität selbst. Das stimmt in Sachen Worte, wenn man sich klarmacht, dass das, was man sieht, eine Unwirklichkeit ist, eben weil man sich in einem Frame befindet. Aber es ist unmöglich, die Wirklichkeit mittels des Denkens, des Geistes zu verändern, solange man der Unwirklichkeit auf den Leim geht. Unwirklichkeiten kann man unablässig verändern, es wird einem nur nichts bringen. Es bringt einen nicht näher an die Wirklichkeit heran. Man kann sich womöglich annähern, aber das war es auch schon. Meistens jedoch verstrickt man sich nur noch tiefer im trüben Gewässer der Imagination, in der Welt der Ideen.

Bild: Trandoshan, Pixabay.com

Es ist nicht der Verstand und seine Logik, die den Anfang machen, wenn es darum geht, die Wirklichkeit zu erfahren. Aus dem Verstand, dem Intellekt heraus entstehen nur weitere Ideen, die Unwirklichkeiten hervorbringen. Geschmiedete Pläne, die sich in Luft auflösen, sobald der Moment Einzug hält, sind der Beweis. Tatsächlich scheinen wir die Wirklichkeit nur erkennen zu können, wenn wir sämtliche Ideen mit ihren Wurzeln ausreißen und das Leben unbelastet erfahren.

Im schöpferischen, im künstlerischen Prozess kann man das am klarsten nachvollziehen. Jeder Künstler spricht davon, dass ihm seine Werke passieren, dass er nichts aus eigenem Willen und eigener Überlegung dazutut, dass es schlichtweg „über ihn kommt“ und er es lediglich auf die Welt bringt. Woher auch immer diese Inspirationen rühren, sie fahren plötzlich in ihn, gewinnen an Kontur – und dann erst schaltet sich der Verstand ein, der die nötigen Werkzeuge besitzt, um dem Ganzen Form zu geben und der ein fertiges Werk daraus macht.
Fade Romane, schlechte Filme, leblose Gemälde, eintönige Musik, bei der sich nichts fühlen lässt, sind die Erzeugnisse des Intellekts. Werke, die dem Künstler passiert sind, haben ein Eigenleben, eine Seele, die man sehen, fühlen und hören, die man erfahren kann. Dabei müssen diese Werke nicht einmal perfekt sein, sie können Schönheitsfehler haben, doch sie haben Seele, weil sie nicht aus dem Intellekt geboren wurden. Was der Intellekt entbindet, ist unbeseelt und kalt.

Genauso muss es vonstattengehen, wenn man die Wirklichkeit erfahren will. Der Verstand darf nicht an erster Stelle stehen, er muss die letzte Instanz sein, die das Erfahrene in Form bringt. Nur so kann man etwas Beseeltes finden und der Welt der Ideen entfliehen. Der Verstand kann nur Ideen hervorbringen, die Wirklichkeit allerdings existiert schon und muss weder er- noch durchdacht werden. Sie kann durchdacht werden, und das ist an vielen Stellen auch sinnvoll, doch dabei sollte man sich nicht der Illusion hingeben, das Denken beschreibe, ersetze oder verändere die Wirklichkeit.

                                     Bild: OpenClipart-Vectors, Pixabay.com

Bedeutet das, man muss kopflos durchs Leben laufen und sich auf die Straße stürzen, ohne vorher nachzusehen, ob ein Auto kommt? Nein, auf keinen Fall. Wer das nun annimmt, hat sich wiederum nur in einem Frame vom einen Ende zum anderen begeben. Das muss man sich klarmachen, mehr muss nicht geschehen: Wir müssen begreifen, dass wir im Meer der Ideen schwimmen. Umso bewusster uns das wird, desto weniger bringen wir diese Frames, Gedanken, Ideen und Wörter mit der Wirklichkeit in Verbindung. Und umso weniger wir das tun, desto klarer tritt die Wirklichkeit hervor.

Exakte Beschreibungen befinden sich sogar noch weiter von der Wirklichkeit weg als ungenaue. Je poetischer und metaphorischer ein Text ist, je mehr Spielraum lässt er der Wirklichkeit, um hindurchzuschimmern. Dennoch, auch jede Metapher ist nur ein Konstrukt.

Man kann sich selbst immer wieder ganz einfach testen, indem man überprüft, ob man dual, also in Entweder-oder-Kategorien denkt. Macht man das, dann springt man lediglich in einem Frame hin und her. Stattdessen kann man sich um ein Sowohl-als-Auch bemühen, das unweigerlich die eingefahrenen Grenzen sprengt. Damit kommt man der Wirklichkeit nicht näher, höchstwahrscheinlich hüpft man nur in den nächsten Frame (und vielleicht setzt sich das immer so fort, weil es überhaupt keine „eine Wirklichkeit“ gibt), aber man ertappt sich zumindest bei frischer Tat. Denn eines darf man nie vergessen: Alles, was jemand oder man selbst gesagt oder geschrieben und was man gehört oder gelesen hat, stellt nicht die Wirklichkeit dar. Man tut dem Wort nichts Gutes, wenn man ihm diesen Stempel aufdrückt. Dafür ist das Wort nicht da.

Das Wort dient als Hilfsmittel, als Werkzeug. Es schafft magische Welten, denn was sonst ist magisch, wenn nicht die Tatsache, dass man jemanden mittels eines einfachen Wortes dazu bringen kann, Unwirkliches zu sehen?

Ach, und das noch: Auch dieser Text war natürlich gespickt mit Frames …

Autor: Melanie Meier

Melanie Meier ist die Tochter von Petra Meier und Joseph M. Clearwater. Sie hat die Fachoberschule für Gestaltung besucht, ist ausgebildete Buchhändlerin und arbeitet heute als Schriftstellerin, schreibt mystische Fantasyromane, die mit dem Qindie-Siegel ausgezeichnet sind, und als freie Texterin und Grafikerin. Weitere Infos unter www.Melanie-Meier.de und www.Textakrobat.in

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